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Sächsischer Mt. Everest Treppen Marathon 2011 an der Spitzhaustreppe in Radebeul

20.04.2011 22:54 von JeWu

Ich starre gebannt in die Startpistole. Sieben harte Monate liegen hinter mir. An die erste Begegnung kann ich mich noch gut erinnern, fühlten sich meine Beine doch Tage danach noch an wie Schaumgummi. Läppische sieben Mal hab' ich mir das damals gegeben - sieben Mal rauf & sieben Mal runter. Mann, tat das weh! An die Wintermonate erinnere ich mich auch noch gut: Dauerschneefall, eigentlich unbegehbare Treppen, Eisesglätte, Wind, Einsamkeit, Kälte, Matsch, Nässe. Und immer wieder diese Stufen: eckige, gleichförmige Sandsteinquader, umrahmt von stählernem Geländer und eingebettet in das malerische Weinbergidyll am Goldenen Wagen, mal kaum zu erkennen unter der Schneelast, mal mit tückischem Eispanzer überzogen, im Frühling dann trocken, mit Touristen & Wanderern bevölkert und immer wieder die gleichen Gesichter, die für das selbe Ziel trainierten: Uta, Herbert, Olaf & andere malochen für den Treppenmarathon in Radebeul. Knochenharte 419 Runden bin ich in der Vorbereitung hier rauf und wieder runter gelaufen. Heute sollen nochmal 100 dazu kommen. Danach ist Schluss. 419 Runden in sieben Monaten & jetzt 100 Runden innerhalb von 24 Stunden. Keine Ahnung, ob das funktionieren wird.

 

Genau vor einem Jahr stand ich auch hier, als Zuschauer. "Das kannst du auch", hab' ich mir gedacht. "Das ist ja nur schnelles Gehen. Ein Klax." Außerdem wollte ich meiner Freundin imponieren. Ihr Vater war auch dabei: 56 Runden mit 61 Jahren - dann kann das ja nicht so schwer sein. Mittlerweile weiß ich es besser. Das Training hat mich geläutert. Was habe ich geschwitzt, geflucht, den Kopf geschüttelt, abgebrochen und mit mir gehadert. Aber auch die schönen Momente sind eine Erwähnung wert: die Hauskatze am unteren Ende der Treppe, wie sie sanft um meine Beine streift, der Sonnenuntergang am Bismarckturm, der erstaunte Blick der Spaziergänger, die nach meiner Rundenzahl fragten, die Zufriedenheit, die sich nach einer anstrengenden Einheit breit machte ... das war es wert.

 

16:01
 Uhr - JeWu nach dem 
Start16:16
 Uhr - JeWu nach dem 
Start

 

Startschuss! Wir laufen los. Herbert vorneweg. Mit seiner Treppabdoppelstufenschritttechnik hatte er bereits im Training atemberaubende Geschwindigkeiten hingelegt. Ich hinterher an zweiter Stelle. Mein Vorteil & der aller einheimischen Teilnehmer: ich kenne die Treppe in- und auswendig, habe alle ihre Facetten studiert und eingeatmet, weiß, wann ich wo was für einen Schritt machen muss, um schnell über den Absatz zu gleiten. Runterzu ein ungeheurer Vorteil. Und ich weiß auch, dass der gemeinste Teil nicht die Treppe selbst, sondern die sogenannten Flachstücke vor und nach der Treppe sind. Die sind nämlich nicht flach, sondern steil wie die Steile Wand von Merrane ... naja, vielleicht nicht ganz, dafür aber gefühlt mit jeder Runde ein klein wenig steiler. Und diese Flachstücke muss man rennen, sonst verliert man den Rhythmus, den Anschluss oder was weiß ich, was mir der Teufel da eingeredet hat. Ich jedenfalls habe mir vorgenommen, diese Stücke bis zum Schluss zu rennen. Und das wird hart. Jetzt, in der ersten Runde läuft aber alles noch fluffig. Ich sprinte an Herbert vorbei und setze mich vor Beginn der ersten Treppaufpassage an die erste Position. Mein Puls springt zwar auf 157, aber phöö! 157! So 'nen Puls haben manche beim Zähneputzen!

 

16:55 Uhr - Verpflegung17:10
 Uhr - JeWu munter auf der Treppe17:11
 Uhr - JeWu im Flachteil

 

"Was soll ich machen? Das ist mein Trainingstempo. Langsamer kann ich eigentlich nicht." Meine Position hat sich nicht verändert. Zwar hatten Marko S. und ein weiterer Läufer mich kurzzeitig überholt, aber treppab bin ich deutlich schneller. Mittlerweile führe ich mit einer halben Runde Vorsprung. Und ich habe keinerlei Beschwerden. Zwar ist mein Puls etwas hoch und ich schwitze wie gewohnt. Aber es läuft. Meinen Plan, aller 5 Runden 5 Minuten Pause zu machen, verwerfe ich. Was will ich auch sinnlos 5 Minuten an der Verpflegung rumstehen. Ich brauche keine Pause. Mir geht's gut. Laufe ich durch, kann ich nach 20 Runden 20 Minuten Pause machen. Das klingt besser. So wird's gemacht.

 

18:40 Uhr - Umziehpause. Routiniert entledige ich mich meines durchgeschwitzten Trikots, ziehe etwas Frisches an, verschlinge Banane, Gel, Riegel & ein paar Becher ISO-Drink & weiter geht's. Der MP3-Player switcht gerade auf Hape Kerkelings "Ich bin dann mal weg". Ich auch, denke ich mir & gehe nach 10 Minuten als Zweitplatzierter wieder auf die Piste.

 

17:20
 Uhr - JeWu Trepp-ab17:25
 Uhr - JeWu Trepp-auf18:01
 Uhr - JeWu Trepp-ab

19:46
Uhr - in frischer Kleidung19:47
 Uhr20:11
 Uhr - es geht in die Nacht

 

Die Runden vergehen. Ich ertappe mich, wie ich insgeheim überprüfe, auf welchem Treppenabsatz mir Marko S. entgegenkommt. Ich komme dem Führenden immer näher. Mist, der Ehrgeiz. Das wollte ich eigentlich vermeiden. Aber noch bin ich gut beisammen. Den Überblick über das Treiben hinter mir habe ich bereits verloren. Nur Uwe, der Vater meiner Freundin, gibt mir ab und zu seine Rundenzahl durch - will diesmal die 100 schaffen, und ist auf einem guten Weg dahin.

 

40 Runden: Boah, bin ich durchgeschwitzt. Die Sonne ist verschwunden. Und kalt wird's auch langsam. An irgendeiner Stelle muss ich Marko S. wieder überholt haben. Hab's nicht bemerkt. Er war wohl kurz auf Toilette. Jetzt bin ich wieder Erster und mache erstmal große Umziehpause. 20:35Uhr - eigentlich wären sogar 25 Minuten drin. 5 Minuten spar ich mir für die nächste Pause. Im Umziehzelt bin ich der Einzige. Wann die anderen wohl ihre erste Pause einlegen? An 3. Position liegend gehe ich mit frischen Sachen auf die nächsten 20 Runden. Hape Kerkeling knabbert noch immer an meinem Ohr. Seine nässelnde Stimme nervt ein wenig.

 

55 ... Fünfundfünfzig. Die Zahl beschäftigt mich und lässt mich grübeln. 55, das war die maximale Zahl der Treppen, die ich am Stück im Training gelaufen bin. Damals hätte ich noch weiterlaufen können - zwei Runden vielleicht, vielleicht auch drei. Die Knie taten mir weh & ich war froh, dass das Training zuende war. Jetzt bin ich also wieder bei 55. Die Knie fangen an, weh zu tun & ich sehne der 60. Runde entgegen. Noch 45 Runden bis zum Ende... das wird hart.

 

60 Runden: Es ist nachts um 1, ich liege im Zelt und zittere, stehe auf, krame ziellos im Rucksack rum, zittere, grüble, setze mich hin, nicke weg, wache vom Zittern wieder auf. Nein! Da raus gehe ich nicht noch mal, mir ist zu kalt. Ich schnappe mir mein Handy und wackle rüber in's Verpflegungszelt. Dort steht ein Heizstrahler und macht das Innere mollig warm. Trotzdem zittere ich. Ich schreibe eine SMS "...hat keinen Zweck...", schicke sie aber noch nicht ab, sondern lasse mir von den freundlichen Helfern erstmal eine Portion Nudeln geben, trinke noch einen Tee, grüble, horche in mich hinein, spüre den Schmerz in den Knien. Nehme das Handy wieder in die Hand, entdecke 2 ungelesene SMS von

meinem Bruder "... drück die Daumen für jede der 79000 Stufen ..." & "Lauf Forest, Lauf ..." - Witzbold. Zeit zum SMS-Lesen hatte ich mir eigentlich nicht eingeplant. Ich grüble. Soll's das gewesen sein? Diese ewige Schinderei? Dieses hammerharte Training? Bei jedem Wetter? Nach 60 Runden? Aufhören & nach Hause fahren? Einfach so? Nein!! Die Nudeln und der Tee haben mir gut getan. Das Zittern ist weg, mein Puls hat sich beruhigt. Ich beschließe, wenigsten bis zum Sonnenaufgang zu laufen. Ich gehe ins Umziehzelt, ziehe mich um und begebe mich nach 1,5 Stunden Zweifeln & Hadern an 8. Position liegend wieder auf die Strecke. 75 Runden - das sollte doch machbar sein. Den MP3-Player lasse ich im Zelt zurück. Hape Kerkelings Stimme nervt mich nur noch.

 

72 Runden: Gerade stand da noch eine 74. Jetzt sind's plötzlich 72. Christian Hunn, der Treppenchef, meint: alles in Ordnung. Ich habe auch das Gefühl, als wären mir zwischendurch 2 Runden geschenkt worden & akzeptiere. Trotzdem frustriert's mich & ich mache nach 73 Runden die nächste Pause.

 

Das Zelt hat sich etwas gefüllt. Nur die vor mir Platzierten pausieren einfach nicht. Zuschauer sind nicht mehr viele da. Nur ein paar Eiserne sitzen zusammengekauert auf ihren Klappstühlen am Streckenrand. Die Gruppe Jugendlicher, die um die Mitternachtsstunden alkoholgelöst ordentlich Radau gemacht hatte, ist auch längst wieder abgezogen. So bleibt Zeit für etwas Ruhe. Die Staffelläufer kommen tief atmend in's Zelt, verlassen es wieder. Manche machen es sich bequem, andere diskutieren ihre Taktiken. Mario telefoniert mit seiner Frau, will 60 Runden schaffen & ist gerade bei Runde 40. Ich lausche in mich hinein, betrachte meine Pulsuhr & beschließe, bis zur 85. Runde durchzulaufen.

 

5:28 Uhr - JeWu läuft noch immer

 

5:30 Uhr - 81. Runde: Meine Freundin steht wieder am Streckenrand, konnte nicht schlafen ... was für ein Sonnenaufgang für mich. Mir schmerzt mittlerweile jede Faser unterhalb der Weichteile. Ich schleppe mich förmlich um jede Runde. Trotzdem bleiben die Zeiten beachtlich. Nach 85 Runden will ich aber auf jeden Fall aufhören. Aufmunternde Worte von allen Seiten. Zuschauer und Mitläufer sagen Sachen wie: "Schön dass du zurückgekommen bist", "Jetzt schaffst du's", betrachten staunend meine Rundenzeiten ... ich auch. Unglaublich! Mittlerweile bin ich wieder auf Platz 4. Vielleicht laufe ich ja auch bis zur 88. Runde oder so ...

 

88. Runde: Nochmal 20 Minuten Pause. Marko, der Erstplatzierte ist gerade in's Ziel gelaufen ... ohne Pause. Ich hab' mich entschlossen: mache den Sack zu, die Hundert komplett. Meine Freundin motiviert mich, nimmt mir die Bedenken & Zweifel. Wie sieht denn das auch aus - 12 Runden vor Schluss & noch 8 Stunden Zeit, bis die 24 Stunden rum sind. Das wäre ja wie zum Mond fliegen und ihn doch nicht betreten. Platzierung ist mir egal. Die Ewigkeit am Gipfelkreuz wartet! Die anderen vor mir laufen alle durch - ist mir unbegreiflich. Ich wechsle nochmal Unterhemd und Trikot. Das Umziehzelt gleicht mittlerweile einem Lazarett. 3:20h Pause habe ich mir somit insgesamt gegönnt, die auch unbedingt nötig waren.

 

 

8:13
 Uhr - Trepp-auf die meisten Stufen sind geschafft9:50
 Uhr - kurz vor dem ZIELeinlauf

 

88. - 99. Runde; Ab jetzt zähle ich rückwärts - mittlerweile plagen mich Muskel- & Knieschmerzen, der Puls will weder hoch noch runter gehen, mein Magen rumort vor lauter ISO-Zeugs & Apfelstückchen & will regelmäßig entleert werden, außerdem habe ich mir die Innenseiten meiner Oberschenkel wund gerieben. Toll! Aber ich schwitze - und das ist ein gutes Zeichen. Noch 10 Runden. Markus, ein Arbeitskollege kommt vorbei und applaudiert. Noch 9 Runden. Mein Magen rumort. Ich muss mich dringend erleichtern. Noch 8 Runden. Fast hätte ich vergessen, feste Nahrung zu mir zu nehmen. Meine Freundin erinnert mich daran. Noch 7 Runden. Uwe schlägt sich tapfer. Er ist noch gut unterwegs & peilt die 100 in 23:30h an. Noch 6 Runden. Immer häufiger werde ich gefragt, wie viel Runden ich noch habe. Die erstplatzierte Dreierseilschaft geht auf die letzte Runde. Noch 5 Runden. Ich bekomme Muskelkrämpfe auf dem unteren Flachstück, laufe aber trotzdem durch. Noch 4 Runden. Marco C., der vor mir platzierte Läufer, ist sich jetzt sicher, dass ich ihn nicht mehr einholen werde. Mittlerweile liege ich auf Platz 6 und werde diesen auch halten. Noch 3 Runden. Ich überlege mir, wie ich die letzte Runde laufe und beschließe, zum Trotz genauso zu laufen, wie die anderen 99 auch. Noch 2 Runden. Meine Freundin streckt mir 2 Finger entgegen, lächelt mich an & formt das Wort Z-W-E-I mit ihrem Mund. Jetzt weiß ich, dass ich es schaffen werde.

 

Die Treppe hat mich nicht bezwungen. Sie hätte zwar fast, nicht nur einmal, aber sie hat es nicht! Ich habe mir vorgenommen, auf der letzten Runde jeder einzelnen Stufe nochmal gehörig in den Arsch zu treten. Die Treppe kann mich mal - kreuzweise! Der Zieleinlauf ist etwas emotional (natürlich nur innerlich, bis auf ein/zwei Tränen) ... 9:50Uhr - Ziel ... ich sacke zusammen und ringe nach Fassung.

 

15:45 Uhr: Ich liege zuhause, dämmere vor mich hin. Eine SMS von meiner Freundin. Ihr Vater hat es geschafft - 100 Runden in 23:45h mit 62 Jahren - Unglaublich, Sensationell!! Uta, der ich so häufig beim Training begegnet bin, schafft nur 98 Runden & will nächstes Jahr wieder am Start stehen. Ich auch, dann aber nur als Zuschauer & mit ordentlichem Respekt vor allen Startern. Jetzt hänge ich die Laufschuhe erstmal an den Nagel & hoffe, dass ich bis zum nächsten Jahr auf keine dumme Idee komme ...

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